Informationen für Pflegekräfte
Wenn Sie uns brauchen
Pflegedienste müssen Ihre Mitarbeiter auf den Patiententouren gut organisieren, um kostendeckend zu arbeiten und gleichzeitig die Bedürfnisse der Patienten abzudecken. Schwerstkranke sind oft schwankend in der Befindlichkeit, komplex in der Symptomatik, nicht voraussehbar im psychischen Zustand. Damit halten Sie sich nicht an die vorgegebenen "Zeitfenster". Genau so instabil sind oft die Angehörigen, die vielleicht zum ersten mal rund um die Uhr pflegen müssen und einen Sterbevorgang erleben. Kaum ein ambulanter Pflegedienst kann sich die notwendige Zeit "leisten", die es zur täglichen Stabilisierung der Lage braucht. Genau so wie den Ärzten und Patienten steht PALLIAMO den Pflegediensten zur Verfügung, wenn es um palliativpflegerische Fragen geht oder um zusätzliche Hilfe für den Patienten wie seine Familie.
Fallbeispiele
Fallbeispiel 1 - Frau A., zusammengefasst von Frau Grigorakakis,
Palliative Care Fachkraft
Patientin: Marianne A., geb. 1955, gestorben Anfang Januar 2008
Diagnose: met. Bronchial-Ca, Lymphangiosis
Aufnahmegrund: Attackenweise Hämoptoe, zunehmend Schmerzen im Brustkorb, Angst vor dem Ersticken mit Panikattacken Info über Haus- und Fachärztin
Sehr agile, kreative, aufgeklärte Patientin, will alles selbst machen und niemandem zur Last fallen; sehr gepflegt (nie ohne Kopftuch, da nach Bestrahlung kaum noch Haare wachsen); war früher Kindergärtnerin, später aktiv in der Gemeinde und im Altenheim. Verheiratet, Ehemann Angestellter, der sehr bemüht und aufmerksam ist, allerdings auch überfordert, da sie wohl immer die Aktivere war. Macht sich Sorgen um seinen Arbeitsplatz, da er sich hat krankschreiben lassen. Ein erwachsener außer Haus lebender Sohn. Gutes soziales Netz, eine Nachbarin ist niedergelassene Krankenschwester und betreut sie schon des längeren, kann zur Not Spritzen geben.
Im Vordergrund steht die spastisch erschwerte Atmung sowie der Bluthusten, der vor allem nachts mit Panikanfällen einher geht. Medikation zunächst: Morphin, Dicodid, Dexa, Infectokrupp-Inhalation, darunter gewisse Besserung. Da die Patientin aufgrund der Hustenattacken wenig schläft, Versuch mit einer Subcutanpumpe nachts mit Scopolamin (gegen den Schleim), Morphin, Midazolam, Haloperidol. Die Inhalation hilft zwar hoch dosiert gegen die Blutung, aber die Patientin ist völlig überdreht, kichernd, plappernd, neckend- begreift aber zunehmend die Situation nicht mehr. Sie will ständig aktiv sein, hat aber immer weniger Kraft.
Immer wieder wird besprochen, ob nicht die Palliativstation eine größere Sicherheit bei diesen beängstigenden Symptomen bieten könnte (die Patientin ist vorgemerkt), sie will aber unbedingt daheim bleiben.
Mit verschiedenen Änderungen/Steigerungen der Medikation kommt die Patientin in den nächsten 14 Tagen ganz gut zurecht, hat dazwischen sogar noch eine Zahn-OP an der Uniklinik. Auch die Nächte werden ruhiger. Da mehrere Mitglieder ihrer großen Familie an Krebs gestorben sind, hatte die Patientin ihr Leben lang Angst davor, selbst krank zu werden. Auf Anraten der Bayerischen Krebsgesellschaft (Frau S.) wird ein Termin mit einer "Krebs erfahrenen" Psychologin Anfang Januar vereinbart. Die Patientin selbst macht einen recht zufriedenen Eindruck, während der Ehemann zunehmend an seine Belastungsgrenze gerät, da sie in ihrer ständigen Unruhe bei abnehmender Kraft nicht mehr allein gelassen werden kann. Auch macht er sich Sorgen über seine Arbeitsstelle - eigentlich müsste er dringend wieder arbeiten. Schließlich kann er die Nachbarin überreden - gegen den Widerstand seiner Frau ("Ich brauche doch kein Kindermädchen") - bei ihr zu bleiben. Doch bereits am 2. Tag geht es ihr am Morgen schon so schlecht, dass er wieder daheim bleibt und sich weiter krank schreiben lässt. Über den Tod spricht sie ganz selten in Andeutungen, aber viel über Engel...
Am Jahresende wird die rechte Brust plötzlich blau, bis schließlich der halbe Brustkorb blutunterlaufen ist, die Patientin bekommt zunehmend Bewegungsschmerzen beim Aufsetzen. Trotzdem wird ein Ausflug nach Nürnberg gemacht, um ihre Lieblingsschwester zu holen, die ihren Urlaub bei ihr verbringen will. Am Tag danach Hausbesuch der Vertretungsärztin, da die Schmerzen und Unruhe massiv zugenommen hatten. Die Pumpe wird mit 40 mg Morphin, 20 mg Midazolam, 50 mg Atosil gefüllt, zusätzlich Neurocil-Tropfen bei Bedarf (aber ohne Wirkung).
Um 4.30 Uhr völlig aufgelöster Anruf des Ehemanns, seine Frau würde wieder Blut husten und "ganz komisch atmen". Da die Dienst habende Schwester 20 min Fahrtzeit hatte, riet sie die Krankenschwester-Nachbarin zu alarmieren. Die Patientin verstarb 15 min später ganz ruhig.
Der Ehemann war völlig außer sich, äußerte starke Schuldgefühle, weil er geschlafen hatte. Inzwischen war auch der Sohn mit Freundin gekommen, sodass zusammen mit der Schwester und der Nachbarin genügend Hilfe für den Ehemann da, sodass sich die PALLIAMO-Schwester zurückziehen konnte.
Eine Woche später erfolgte ein Trauerbesuch, bei dem der Ehemann über zwei Stunden die Krankheit noch mal Revue passieren ließ; insbesondere war er froh, dass er bei seiner Frau geblieben war.
Fallbeispiel 2 - Frau S., zusammengefasst von Frau Grigorakakis
Gabi S. lebte mit ihrem Mann und ihrem siebenjährigen Sohn in einem schmucken Anbau des schwiegerelterlichen Hauses am Rande eines kleinen Dorfes. Gabi S. starb nach fünf Jahren verzweifelten Kampfes gegen ihren Brustkrebs. Als vor einem Jahr Knochenmetastasen festgestellt wurden, brach sie zusammen. Wollte sich umbringen und dazu in die Schweiz fahren, war völlig verzweifelt.
Ihre Schwester erklärte sich bereit, jede ihrer Entscheidungen mit zu tragen. Doch letztendlich hielt sie die Verantwortung für den kleinen Sohn davor zurück. Auch wusste sie nicht, ob ihr Mann einen Freitod verstehen würde. Schließlich begab sie sich in psychiatrische Behandlung; ihre Angsterkrankung wurde psychotherapeutisch und medikamentös behandelt.
Der Tumor verbreitete sich weiter: in und neben der Lunge mit entsprechender Atemnot, im Herzbeutel, schließlich bekam sie vier Monate vor ihrem Tod Hirnmetastasen, die ihr Denken beeinträchtigten sowie ihre Bewegungen verlangsamten. Die Krankenkasse hatte ihr eine Haushaltshilfe bewilligt, die jetzt in zunehmendem Maße auch Aufsicht für die Patientin wurde.
Unser Kontakt war anfangs sehr sporadisch. Frau S. war sehr höflich, aber auch sehr distanziert. Am ehestens akzeptierte sie die Ärztin von PALLIAMO. Ihre Schwester war ihre engste Vertraute, sie verbrachte jede freie Zeit bei der kranken Patientin, kam gut mit ihrem Schwager und ihrem Neffen aus.
In den letzten Lebenswochen wurde Frau S. zunehmend unkonzentriert und körperlich immer unruhiger. Tagsüber schlief sie viel, um dann die Nächte hindurch durchs Haus zu wandern – schließlich konnte sie keine 10 Minuten mehr stillsitzen, obwohl sie vor Müdigkeit fast umfiel, sodass sie gestützt werden musste. Die Versorgung des Kleinen übernahmen verschiedene Familienmitglieder, denn der Ehemann musste ja arbeiten.
Zunehmend bekam die Patientin Atembeschwerden, wir besorgten eine Atemtherapeutin, die ihr enorm gut tat. Ein Lymphtherapeut massierte ihr die geschwollenen Beine. Vom Hospizverein kam eine Helferin einmal in der Woche, das reichte aus, da sich viele Freunde sowie die Schwägerin, die viel Zeit mit dem Kind verbrachte, um die Familie kümmerten. In den letzten Tagen hatte Frau S. Probleme mit dem Schlucken. Sie war schließlich einverstanden, die Medikamente gegen Ihre Getriebenheit zu erhöhen, damit der Ehemann nachts schlafen konnte. Die letzten drei Tage konnte sie nicht mehr aufstehen und den Kopf nicht mehr halten, im Bett fühlte sie sich am wohlsten. Als sie nicht mehr schlucken konnte, wurden ihre Medikamente umgesetzt auf parenterale Verabreichung, ich leitete ihre Schwägerin an, wie sie zu lagern war, wie die Mundpflege vorzunehmen. Ich kam jetzt täglich – zur Sicherheit.
Beeindruckt war ich, mit welcher Natürlichkeit sich inzwischen das Leben um das Bett von Frau S. abspielte. Gerade der kleine Sohn hatte einen völlig unkomplizierten Umgang mit der Mutter. Er war daran gewöhnt, dass der Vater seine Hauptbezugsperson war und dass die Mutter zunehmend versorgt werden musste. Aber es wurde ihm alles erklärt und sein Kinderleben mit Fußballspielen und Schwimmkurs in den Ferien ging weiter. Ab und zu durfte er bei anderen Familien übernachten oder er ging gleich von der Schule mit zu anderen Kindern – aber nie so, dass er das Gefühl hatte, abgeschoben zu sein. Am letzten Tag sprach der Vater noch einmal lange mit dem kleinen Kerl und erklärte ihm, dass die Mutter nun bald sterben müsste. Er nahm es hin. Gleichzeitig wurde an diesem Nachmittag geklärt, wer die Versorgung des Kleinen übernehmen würde, solange der Papa in der Arbeit sein würde. Beides wurde der komatösen Patientin gesagt, ihre Schwester war wieder angereist – und in der Nacht starb sie, friedlich und ohne Kampf. Es war vollbracht.
